Unbekanntes
Baltikum
Mit dem Fahrrad durch
Litauen, Lettland und Estland
Jahrzehntelang befanden
sich die baltischen Staaten in einem
Dornröschenschlaf hinter dem „Eisernen Vorhang“. Seit 1940 hatte
die Sowjetunion die drei Staaten okkupiert, bis 1987 die
Bevölkerung sich gegen die Sowjetherrschaft auflehnte. 1989
bildeten Millionen von Menschen aus Protest eine Kette, die von Tallin
über Riga nach Vilnius reichte. Und schon 2004 erwarben die
drei
Länder die Mitgliedschaft inder EU.
Der Unterschied und die Veränderungen zu 1992, als ich schon
einmal das Baltikum bereiste, waren gewaltig.Nicht nur die
Infrastruktur hatte sich enorm verändert.
Während die ältere Generation oft deutsch oder russisch
spricht, kann man sich mit jüngeren Menschen gut auf Englisch
unterhalten.Auf sehr guten Strassen („gefördert mit Mitteln
der
EU“) führte meine Route zunächst von Klaipeda über
Silauliai (Berg der Kreuze) nach Riga. Von da an ging der Radweg direkt
an der Ostsee entlang. Mein nächstes Ziel war die Insel
Saaremaa,
die während der Sowjetherrschaft militärisches Sperrgebiet
war. Die Landschaft auf der sehr dünn besiedelten Insel ist
geprägt von Wiesen, Feldern und Wäldern. Auf sehr wenig
befahrenen Strassen erkundete ich die Insel und genoss die
Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Bewohner. Neben
vielen Bockwindmühlen kann man auch einen 4000 Jahre alten
Meteoritenkrater sehen.
Die geschichtsträchtige Hauptstadt Lettlands – Riga – ist mit
ihren Hunderten von Jugendstilhäusern, Kirchen und
engen Gassen
unbedingt sehenswert. Nördlich von Riga beginnt in dem Badeort
Jurmala ein 60 Km langer Radweg, der unmittelbar an der Ostsee entlang
führt.
Im Nationalpark Papesee kann man Wildrinder und Wildpferde sehen.
Nahe
der Stadt Kuldiga kann man den längsten Wasserfall Europas
bewundern, der zwar 275 Meter lang ist, aber nur etwa 1,50 Meter
hoch! Ein „Muss“ jeder Reise durch das Baltikum ist das
Bernsteinmuseum in
Palanga! Unterwegs kam ich an einem kuriosen Museum vorbei, das ich
natürlich besuchte: das Münchhausen-Museum.
Die letzten drei Tage verbrachte ich auf der Kurischen Nehrung, wo
Thomas
Mann
in dem Ort Nida ein Sommerhaus hatte. Auch der Abstecher
mit einem Boot ins Memel-Delta war sehr lohnenswert.
Nach vier Wochen hatte ich zwar über 2400 Km auf dem Tacho,
aber
die Anstrengung hielt sich in Grenzen, da die Strecke total flach
war
und ich keine Steigungen zu bewältigen hatte.
Lappland
im
Winter
Nach vielen beeindruckenden
Nordlandreisen im Sommer reizte es
mich, diese herrliche Landschaft auch einmal tief verschneit im Winter
zu erleben.
Klirrende Kälte, Dunkelheit,tanzende Polarlichter,
ausdrucksvolle
Lichtverhältnisse, und die Gemütlichkeit der Häuser
begeisterten mich so sehr, dass ich gleich viermal hintereinander im
Winter Finnland,Norwegen und Schweden
besuchte.
Die einsamen Gegenden, die ich im Sommer erwandert hatte, waren jetzt
noch einsamer. Selten traf ich in den Wäldern Menschen,dafür
Elche und Rentiere. Nur ab und zu zerriss der Lärm eines
Motorschlittens, dem Hauptfortbewegungsmittel der Skandinavier im
Winter, die Stille.
Eine besondere Erfahrung war es,sich nach der Sauna bei
minus 30°
im Schnee zu wälzen. Auch die rasanten Schlittenfahrten mit einem
Husky-Gespann durch die einsamen Wälder waren immer ein
faszinierendes Erlebnis! Bei einer Nordlandtour mit einem Freund bauten
wir ein Iglu (das
„Richtfest“ wurde mit Glühwein gefeiert) und schliefen bei 18°
minus darin.
Diese Winterfahrten waren so eindrucksvoll, dass ich mit Sicherheit
nicht zum letzten Mal in der kalten Jahreszeit im hohen Norden war!
„…..nur an Airag konnte ich mich
nicht gewöhnen“
Mit dem Fahrrad durch die Mongolei
Ein Reisebericht von Hans
Neumann „Ich müsste erstmal nachsehen,
wo die Mongolei liegt“
Das war die ehrliche Reaktion von Freunden, Bekannten und Kollegen, als
sie von meinem Vorhaben hörten.Im Sommer 2006 konnte ich endlich –
nach einjähriger Vorbereitung
– einen lange gehegten Traum verwirklichen: die Mongolei mit dem
Fahrrad zu bereisen.
Akribisch wog ich mittels Brief-, Küchen- und Personenwaage mein
gesamtes Gepäck ab, um möglichst Ballast zu vermeiden. Mit
einer – wie sich vor Ort herausstellte – unbrauchbaren Landkarte plante
ich meine Reiseroute.Mit reichlich Übergepäck (40 Kilo plus
Fahrrad) flog ich dem Abenteuer entgegen.
In Ulaan Baator kaufte ich Lebensmittel und Wasser und fuhr nach
eineinhalb Tagen in der Hauptstadt in die äußerst dünn
besiedelte Steppe. Täglich war ich zu Gast bei Nomaden und wurde
mindestens zu einem Milchtee (mit Salz, Butter und Fleischstreifen)
eingeladen. Oft nahm ich aber an den gemeinsamen Mahlzeiten teil,die
ausschließlich aus Hammelfleisch bestanden. Nur an Airag
(gegorene, kalte, säuerliche Stutenmilch) konnte ich mich nicht
gewöhnen.
Die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Nomaden waren
überwältigend! Mal schoben sie mein bis zu 65 Kilo schweres
Rad über Geröllpisten bergauf, mal versorgten sie mich mit
trockenem Brennholz, wenn meins wieder einmal durch starke
Regenfälle nass geworden war. Nur einmal widerfuhr mir etwas
Negatives, als mich ein sturzbetrunkener Motorradfahrer bewusst so
dicht überholte, dass ich fast mit dem Rad umgestürzt
wäre.
Mein Zelt durfte ich immer neben den Jurten aufbauen. Ich revanchierte
mit kleinen Gastgeschenken und Musik (Live-Hörproben während
des Vortrages!). Auf einer irischen Flöte spielte ich meinen
Gastgebern keltische Tänze und Weisen vor, zu denen einmal drei
betrunkene Nomaden in der staubigen Steppe tanzten. Durch meine Musik
wich auch –
gerade bei Kindern – die anfängliche Scheu und Skepsis.Neben
Gestikulieren mit Händen und Füßen war das die einzige
Kommunikationsmöglichkeit
.
Die „Straßen“, auf denen ich mich voranquälte, waren extrem
schlecht! Die auf meiner Landkarte als„asphaltierte Hauptstrasse“
klassifizierte Route bestand im günstigsten Fall aus Sandpiste.
Oft musste ich quer durch die von starken Regengüssen vollgesogene
Steppe fahren. Das Rad war dann weder fahr- noch lenkbar, ich musste
absteigen und stand bis zur Wade im Wasser.
Einmal verfuhr ich mich hoffnungslos im Gebirge. Am Abend hatte ich
kein Wasser mehr, und Panik überkam mich.Ich hatte Angst vor
Wölfen, von denen es in der Mongolei mehr geben soll als
Einwohner. Am nächsten Tag stieß ich auf eine Gruppe
Berliner Pfadfinder, die mich aus dieser Situation retteten.Neben dem
eher uninteressanten Staats-Naadam in der Hauptstadt erlebte
ich dieses spannende und farbenfrohe Sportfest noch vier weitere Male
in Dörfern, wo ich ganz nah am Geschehen war und unmittelbaren
Kontakt zu den Ringern, Reitern und Bogenschützen hatte.
Die letzten drei Tage fuhr ich mit einem Minibus ins Herz der
Mittelgobi, wo die durchschnittliche Einwohnerzahl von eineinhalb
pro
Quadratkilometer noch weit unterschritten wird. Hier erlebte ich 58
Grad Celsius, während das Thermometer im Gebirge bei Regen oft nur
6 Grad zeigte.
In 45 Jahren habe ich 68 Länder bereist (viele mehrfach), davon 31
mit dem Fahrrad. Die Tour durch die Mongolei war die
strapaziöseste, die schwerste bezüglich der Infrastruktur und
Versorgung, die intensivste, was den Kontakt zur Bevölkerung
betrifft, und mit Sicherheit die abenteuerlichste! Ich bin 1947 in
Berlin geboren und reise seit meinem 17. Lebensjahr um die Welt.
Zunächst bin ich durch Europa getrampt, bevor ich 1970 zu einem
zweijährigen Trip aufbrach, der mich durch fast alle asiatischen
Länder und nach Australien brachte. Ab Australien setzte ich meine
Reise mit dem Fahrrad fort und entdeckte dieses Fortbewegungsmittel als
das für mich optimale. Bei dieser Art des Reisens hat man einen
sehr intensiven und authentischen Kontakt zu der Bevölkerung, was
für mich nach wie vor der wichtigste Aspekt meiner Reisen ist.
Von 1972 bis 1990 setzte eine „fahrradabstinente“ Zeit ein. In diesem
Zeitraum bin ich als „Rucksacktourist“ um die Welt gezogen, bevor ich
dann bis 1996 mit zwei Freunden verschiedene Länder West- und
Osteuropas, sowie Nordafrika mit dem Rad bereiste.
Der Wendepunkt kam 1996, als ich niemanden für eine Tour in Island
begeistern konnte. Ich fuhr allein und stellte fest,dass mir niemand
fehlte und dass ich allein besser zurechtkam. Auch die folgenden Reisen
durch Syrien, zum Nordkap, durch Kanada, den Oman, durch das Baltikum
und durch die Mongolei unternahm ich allein.
Im
Land des Weihrauchs
Mit
dem Fahrrad durch den Oman
Ein
Reisebericht von Hans Neumann
„In
ein moslemisches Land?“
„Lass`
Dich nicht entführen!“
„3000
km Wüste?“
„Wie
machst Du denn das mit dem Wasser?“
„Pass
auf, wenn Du verschleierte Frauen fotografierst“
…und,
und, und!
Diese
Aussagen und Fragen waren die Reaktion von Freunden, Bekannten,
Kollegen und
anderen Menschen, denen ich von meinem Vorhaben, mit dem Fahrrad den
Oman zu bereisen, erzählte. Um
es vorweg zu nehmen: Ich bin nicht entführt worden und ich habe
auch
keinen Krummdolch in den Rücken bekommen, obwohl ich Dutzende von
verschleierten Frauen fotografiert habe.Etwa
9 von 10 Personen wussten den Oman überhaupt nicht geografisch
einzuordnen. Nicht wenige verlegten das Land sogar nach Afrika. Und
die Sorge, man könnte mir in einem moslemischen Land etwas
Böses
antun, entspringt wohl der Unkenntnis und den Vorurteilen, die man
arabischen Ländern gegenüber hat. Die
Reise war geprägt von der unglaublichen Hilfsbereitschaft und
Gastfreundschaft der Araber! Mehrmals am Tag wurde ich mit diesen
sprichwörtlichen Eigenschaften der Omanis konfrontiert. In der
Wüste
hielten oft Einheimische an, um mir Wasser, Obst, Saft oder Essbares
zu geben. Nicht wenige meinten wohl, ich sei minderbemittelt, denn
sonst würde ich ja mit einer Gruppe das Land bereisen. Sie boten
mir
Geld an, was ich natürlich ablehnte.Einmal scherten zwei
Fahrzeuge
aus einem Militärkonvoi aus, fuhren mir hinterher und wollten mir
eine Kiste mit 60 Wasserbechern schenken. Da das nicht sehr praktisch
war, füllten die Soldaten die Becher in meine leeren
Wasserflaschen
um. Dann folgten sie den anderen Fahrzeugen des Konvois… Die
vielen Einladungen konnte ich aus Zeit- und Entfernungsgründen gar
nicht annehmen. Die Einladung zum Kaffee von einer total
verschleierten Frau (!!!) bei sich zu Hause nahm ich in meiner
grenzenlosen Neugier aber an. Sie bewirtete mich mit Kaffee und Obst,
und zum Abschied beschenkte sie mich noch! Die
Fahrerei durch die unendlich öde und trostlose Wüste (3000Km)
wurde
nur selten durch „Highlights“ unterbrochen. Zu den Höhepunkten
zählte aber immer wieder das Zelten in dieser Einöde. Die
Sonnenuntergänge, der Sternenhimmel und die Sonnenaufgänge
waren
jeden Tag von neuem ein unvergessliches Erlebnis.Im
Durchschnitt trank ich etwa sechs Liter Wasser am Tag. Das musste
natürlich auch nachts entsorgt werden. Bei meinen nächtlichen
„Ausgängen“ musste ich sehr genau hinsehen, wo ich hintrat, denn
es gibt in der Wüste viele (auch giftige) Schlangen und Skorpione.
Erstmalig
hatte ich auf einer Radtour zwei schwerwiegende Radpannen! Dank der
unglaublichen Hilfsbereitschaft der Omanis wurde die erste
(natürlich
kostenlos!) behoben, und zur Sicherheit schenkte man mir noch zwei
Ersatzschläuche und mehrere Ventile. Bei der zweiten Panne riss
eine
Felge. Um den Schaden zu beheben, musste ich zurück in die
Hauptstadt Muscat fahren, wo ich mit viel Mühe und der Hilfe eines
Taxifahrers eine einzige gebrauchte Felge in der richtigen
Größe
fand. Die
omanischen Frauen kleiden sich traditionell total verschleiert in
Schwarz, mit Sehschlitz oder mit der Burqa, einer „Schnabelmaske“
(nicht zu verwechseln mit dem Ganzkörperschleier der afghanischen
Frauen). Oft fragten Frauen, ob sie mich fotografieren dürften,
und
ich willigte ein. Fragte ich sie, lehnten sie überwiegend ab.
Trotzdem gelangen mir einmalige Aufnahmen, wenn ich höflich danach
fragte. Auf einer Fähre wurde ich geradezu aufgefordert, eine
Frauen-/Mädchengruppe zu fotografieren. Während
meines Besuchs im Oman fand der „Golf-Cup“ statt, eine
Fußballmeisterschaft der acht Golf-Staaten. Als dann der Oman die
Meisterschaft sogar noch gewann, musste ich feststellen, dass sich
die omanischen Fans überhaupt nicht von den europäischen
unterscheiden. Ausgelassen feierten sie „ihre“ Mannschaft in den
Strassen der Hauptstadt. Woran
ich mich nicht gewöhnen konnte: Die Vorstellung der Omanis von
Pünktlichkeit und Zeitzusagen. Mehrere
Male verabredete ich mich mit Einheimischen, aber die nehmen es mit
der Zeit nicht so genau. Einmal wollten mich Omanis um 10 Uhr vom
Hotel abholen, um 15:30 Uhr waren sie dann endlich da… Aber
die Herzlichkeit, die Fröhlichkeit und Unbekümmertheit
ließen mich
solche Vorkommnisse schnell vergessen.
Bären – Berge –
Begegnungen
3500 Km mit dem
Fahrrad durch Kanadas Westen
mit einem Abstecher
nach Alaska
Ein weiterer „Fahrradtraum“
sollte 2007 wahr werden: Kanada (genauer:
British Columbia und Alberta) mit dem Fahrrad zu bereisen.
Ein Freund, der diese Strecke schon einmal mit dem Auto gefahren war,
meinte, das würde ich wohl schwerlich schaffen, zumal mit fast 60
Jahren.
Die Route führte mich zunächst von Calgary nach Vancouver
(mit einem Kleinbus). Meine ersten Eindrücke waren
überwältigend! Ich konnte mich gar nicht satt sehen an den
schneebedeckten Bergen (es war Mitte Juni!).
Nachdem ich das Auto am Flughafen von Vancouver abgegeben hatte,
radelte ich entlang der „Sunshine Coast“ auf dem Festland. Mehrere
Fähren brachten mich über die Fjorde. In Powell River setzte
ich über nach Vancouver Island. Mein erstes Ziel war Port Hardy,
ein Fährhafen, wo die 15 stündige Fahrt entlang der „Inside
Passage“ begann. Es soll eine der schönsten Fährstrecken
weltweit sein.
Bevor ich die Fahrt zu der Hafenstadt antrat, musste ich noch ein
gewaltiges moralisches Tief überwinden. Aus unerfindlichen
Gründen hatte ich gleich am ersten Tag überhaupt keine Lust
mehr, die Reise fortzusetzen. Ich war nahe davor, alles stehen zu
lassen, nach Vancouver zu trampen und den nächsten Flieger nach
Hause zu nehmen. Aber ein Schlüsselerlebnis brachte mich – zum
Glück! - wieder zur „Vernunft“.
Von Prince Rupert fuhr ich mehrere hundert Kilometer nach Osten bis zum
Abzweig nach Alaska. Auf dieser Strecke sah ich sehr viele
Schwarzbären. Von Prince Rupert nach Stewart und zurück nach
Kitwanga waren es fast 800 Km. Es gab aber nur zwei Möglichkeiten,
sich Lebensmittel und Wasser zu besorgen, was sich als großes
Problem herausstellte. Oft musste ich vorbeifahrende Autos anhalten und
nach Wasser fragen. Es hielten auch Reisende an und fragten mich, ob
ich genug Wasser hätte.
Auf einer sehr einsamen Strasse in Alaska begegnete ich einem
Schwarzbären und einem Grizzly. Es kostete mich sehr viel
Nervenstärke, die Bären zu fotografieren!
Manche Tagesetappen betrugen zwischen 140 und 160 Km, weil dazwischen
nicht anderes waren als Wald und Bären. Und es nicht sehr ratsam,
sein Zelt mitten in der Wildnis aufzustellen. British Columbia hat die
größte Bären-Population in Kanada, und die Gegend, in
der ich mich befand, wiederum die größte in British
Columbien.
In meiner Not und mangels anderer Übernachtungsmöglichkeiten
schlief ich einmal in einer völlig verlassenen Indianer-Siedlung
in einem völlig verdreckten Haus. Aber hier war ich vor Bären
sicher.
Der Höhepunkt der Reise war ohne Zweifel die Fahrt auf dem
Icefield Parkway im Jasper- und Banff Nationalpark. Staunend fuhr ich
mit offenem Mund durch die schneebedeckten Berge der Rocky Mountains.
In tiefblauen Seen spiegelten sich die Riesen der Rockys.
Dadurch, dass ich mit meinem Rad keinen Krach machte, sah ich viele
Tiere: Wapitis, Elche, Dickhornschafe, Karibous, Präriehunde,
Kojoten und viele andere mehr.
Die phantastische Landschaft und die vielen netten Begegnungen mit
Menschen machten die Reise wieder einmal zu einem
außergewöhnlichen Erlebnis. Nach sechs Wochen kam ich k.o.
aber glücklich wieder in Calgary an. 9,5 Kg hatte ich auf der
Strecke gelassen.
„Syrien…?
Ist
das
nicht
zu
gefährlich?“
Mit dem
Fahrrad durch das Land am Euphrat
Ein
Reisebericht von Hans Neumann
Diese
Frage
war
unisono
die
Reaktion
von
Freunden,
Bekannten,
Kollegen und Verwandten, als ich denen von
meinem Vorhaben erzählte. Zugegeben – etwas mulmig war mir
schon, denn bisher hatte ich überwiegend Länder in
West-Europa mit
dem Fahrrad bereist, aber nicht solch ein exotisches wie Syrien. Und
Syrien kann man nicht gerade als „typisches Urlaubsland“
bezeichnen, wo sich die Touristen in Scharen tummeln. Aber
–
wie
sich herausstellen sollte
– war meine Entscheidung goldrichtig! Gleich
am
ersten
Tag wurde ich mit der
sprichwörtlichen Gastfreundschaft der Araber konfrontiert. Ich
wurde
morgens zum Essen eingeladen, abends ebenfalls zum Essen und zum
Übernachten. Das kam mir sehr gelegen, denn wo übernachtet
man in
einem Land, in dem es außer in großen Städten keine
Hotels gibt? Die
Gastfreundschaft
zog
sich wie ein
roter Faden durch die vier Wochen, in denen ich das Land bereiste. Mein
errechnetes
Tagespensum
schaffte
ich nie, denn ich wurde, wenn nicht zum Essen, doch zumindest zum Tee
eingeladen; sei es von Bauarbeitern, Ladenbesitzern, Viehhirten,
Polizisten oder vielen anderen. Während
der
Fahrt
am Euphrat
entlang
hatte ich zweimal sehr intensiven Kontakt mit dem Geheimdienst, der
sich aber sehr höflich und korrekt verhielt. Eine
außergewöhnliche
Begegnung
hatte
ich
mit einem Mitglied der syrischen Nationalequipe der
Radrennfahrer. Die
einwöchige
Fahrt
durch die
syrische Wüste war sehr abenteuerlich, zumal ich mich auf
ungewohntem Terrain bewegte: Wüstenerfahrung fehlte mir
gänzlich! Aber
auch
hier
kam ich in Genuss der
Gastfreundschaft der Wüstenbewohner, der Beduinen. Ich stellte
mein
Zelt immer neben deren Zelte auf, wurde aber immer zum Essen hinein
gebeten. Die Mahlzeiten waren denkbar einfach: saure Milch, dazu jede
Menge Fladenbrot und Tee. Wenn ich Glück hatte, gab es Magduhn,
sauer eingelegte Auberginen, die ich mit Vorliebe aß.
Faszinierend
war
die
Ruinenstadt
Palmyra mitten in der Syrischen Wüste, wo schon 7000 Jahre v.Chr.
Menschen siedelten. Die
quirlige
Hauptstadt
Damaskus ist
eine der interessantesten Städte, die ich weltweit kenne. Ich
besuchte mehrmals die Omayaden-Moschee und den Souk. Ein
weiterer
Höhepunkt
war der
Besuch
des „schönsten Dorfes in Syrien“, nämlich Maalula. Es ist der
einzige Ort, in dem noch aramäisch, die Sprache Jesu, gesprochen
wird. In einem Kloster las mir ein Mönch das Vaterunser auf
aramäisch vor. In
den
Bergen
des Antilibanon wurde ich
von einem heftigen Schneesturm überrascht. Die
weitere
Route
führte mich zum
„Crac de Chevalier“, einer riesigen Kreuzritter-Burg, an
die
Küste,
nach Hama mit seinen
500
Jahre alten Wasserrädern aus Holz, nach Aleppo und nach Ebla,
einer
5000 Jahre alten Siedlung. Beeindruckend
war
neben
der Herrlichen
Landschaft, der Gastfreundschaft und den vielfältigen
Kulturdenkmälern das friedliche Miteinander der vielen
Religionsgemeinschaften. Neben
den
verschiedenen
Richtungen des
Islam leben allein elf christliche Konfessionen in dem Land! Der
beste Freund eines moslemischen Professors, den ich in Damaskus
kennen lernte, war Jude. Ein
Wermutstropfen:
aufgrund
der
mangelnden Bildung, Desinformation und antisemitisch gefärbter
Schulbücher, besteht beibildungsfernen Schichten eine große
Ablehnung gegenüber den Juden, und Hitler erfährt große
Verehrung…

COSTA
RICA
Mit
dem
Fahrrad
durch
die
„Schweiz
Mittelamerikas“
Bei
meinen Fahrradvorträgen wurde ich häufig von Zuschauern
gefragt, ob
ich schon mal in Costa Rica gewesen sei. Jeder schwärmte von
diesem
mittelamerikanischen Land. So wurde ich neugierig und beschloss, das
Land im März/April 2010 mit dem Fahrrad zu bereisen.Allerdings
verlief
die Reise ganz anders als geplant! Schon am ersten Tag hatte
ich mit der enormen Hitze und Luftfeuchtigkeit zu kämpfen. Im
Gegensatz zu anderen Radtouren, bei denen die Faszination der
Länder
die Anstrengungen vergessen ließ, kamen in Costa Rica zu den
klimatischen Bedingungen noch die teilweise extrem steilen Anstiege
dazu. Und so hielten viele Autofahrer von sich aus an und fragten, ob
sie mich zum Pass hochfahren sollten.Die
Landschaft war phantastisch! Tropischer Regenwald, eine herrliche
Strasse entlang der Pazifik-Küste, Ölpalm-, Bananen-,
Kaffee-,
Ananas-Plantagen. Die
„Ticos“ (die Bewohner Costa Ricas) winkten mir zu, und wenn ich
anhielt, um etwas zu kaufen oder zu essen, fragten sie wissbegierig,
woher ich sei. Das
Zelten wurde jedes Mal zu einem Sauna-Gang, weil es im Zelt
unerträglich heiß war. Bei offenem Zelt konnte und wollte
ich nicht
schlafen, denn es gibt ca. 140 Schlangenarten, von denen 18 giftig
sind… Neben
der grandiosen Landschaft war auch die Tierwelt
überwältigend! Ich
sah und fotografierte Schlangen, bunte Frösche, Papageien, Iguanas
(Echsen), Nasenbären, Faultiere, Brüllaffen, Krokodile, um
nur
einige Tierarten zu nennen. In
den unzugänglichen Bergen an der Grenze zu Panama besuchte ich
eine
Siedlung der Guaymi-Indianer. Die irischen Melodien, die ich den
Dorfbewohnern auf der Mundharmonika und Tin Whistle (irische
Flöte)
vorspielte, waren wieder mal ein Hit! Bei
der Fahrt auf der „Panamericana“ durch den Nebelwald musste ich
passen, denn die Sichtweite betrug oft nur etwa 10 Meter. Die
Strassen waren sehr eng, und wenn sich die riesigen LKW begegneten,
war für einen Radfahrer kein Platz mehr auf der Strasse. Unter den
gegebenen Umständen entschloss ich mich, einige interessante Ziele
mit Mietauto und Bus zu besuchen. Da ich keinen Führerschein dabei
hatte, musste ich mir eine Kopie aus Deutschland per e-mail schicken
und diese von einem Notar bescheinigen lassen. Jetzt bin ich im
Besitz eines wunderschönen costaricanischen Führerscheins mit
Stempeln, Prägungen und goldenen Sternen, den ich während des
Vortrages dem Publikum präsentieren werde. Ein
anderes Highlight waren die noch aktiven Vulkane. Es ist ein
phantastisches Schauspiel, wenn man nachts die glühende Lava den
Berg herunter fließen sieht! Bei
einem anderen Vulkan konnte ich eine Eruption sehen und
fotografieren. Die
Orte an der Karibikküste erinnerten mich sehr an Jamaika. Es gab
Jerk-Pork, Rastas, und aus den Lautsprechern dröhnte Reggae-Musik.
Ein
besonderes Erlebnis war auch die Fahrt mit einem Fischer auf einem
Dschungel-Fluss, bei der ich viele Tierarten beobachten konnte. Obwohl
ich
meinen eigentlichen Plan, das Land mit dem Rad zu bereisen, nicht
zu 100% realisieren konnte, war diese Reise wieder einmal ein
Erlebnis der besonderen Art!
Vortragstermine

Nordkap
statt Mongolei
Ein Traum sollte wahr werden. Ein Jahr lang hatte ich mich
bestens vorbereitet: Literatur gelesen, Kartenmaterial besorgt,
Kontakte geknüpft. Die Packliste war bis ins kleinste Detail
fertig. Auch mein Fahrrad wurde aufgerüstet: zusätzlicher
Gepäckträger vorn, verstärkter Gepäckträger
hinten. Die Züge für Bremsen und Schaltung wurden erneuert.
Und ganz wichtig: beide Räder wurden mit verstärkten Speichen
bestückt Mein Fahrrad war somit bestens gerüstet für
meine geplante Fahrt durch die Mongolei.
Etwas hatte ich aber bei allen Vorbereitungen total
vernachlässigt: mich! Seit meiner Fahrt durch Syrien stand
mein Rad im Schuppen und wurde seitdem lediglich von rechts nach links
oder von links nach rechts geschoben. Meine „Vorbereitung“ für die
anstehende Tour bestand gerade mal aus viermal 17 Km „Training“.
Doch es kam alles ganz anders!
Vergeblich versuchte ich, direkt bei der mongolischen Airline
MIAT in Berlin ein Flugticket nach Ulan-Bator zu bekommen.
Zunächst war alles kein Problem. Doch dann vertröstete man
mich, man hielt mich hin. Auf Nachfrage antwortete man mir, die
Unterlagen seien unterwegs.
Um es kurz zu machen: man verkaufte mir schlicht kein
Flugticket, warum auch immer.
Eine Alternative musste her.
Da ich schon seit vielen Jahren ein großer Freund von
Nord-Skandinavien (Finnmark / Lappland ) und schon des öfteren mit
dem Auto dort herumgereist war, wollte ich diese Gegend nun auch mit
dem Fahrrad bereisen. Und wenn ich schon mal „da oben“ war, wollte ich
das Nordkap nicht auslassen.
Die Fahrt von Helsinki in Richtung Norden begann mit einem
einwöchigen Kälteschock. Die Höchsttemperaturen lagen
bei 11 ° C, im Tagesdurchschnitt bei 7°C. Es war Mitte Juni! In
Mittelfinnland zeltete ich einmal bei – 1.5°C. Es war aber nicht
nur die Kälte, die mich manchmal an meinem Vorhaben zweifeln
ließ. Es regnete sehr viel, dazu blies ein eiskalter Wind. Der
kannte natürlich nur eine Richtung….
Mit solchen Wetterverhältnissen hatte ich nicht gerechnet,
hatte ich doch bei den acht vorherigen Autoreisen zu 95% wunderbares
Sommerwetter zu dieser Jahreszeit, mit Temperaturen zwischen 18 und
25°C.
Zeitweise musste ich mir Plastiktüten um die Turnschuhe
wickeln, denn meine nassen Füße froren bei dem eisigen
Fahrtwind jämmerlich. Was erwartete mich wohl da ganz oben im
Norden…?
Erst bei Kemijärvi änderte sich das Wetter. Es war
nicht mehr ganz so kalt, der Regen hörte auf, und die Sonne kam
hervor. Dennoch musste ich immer noch mit Windbreaker und Gore-Tex-Hose
fahren, denn der Fahrtwind war immer noch sehr kalt.
Die ersten 1300 Km verliefen recht ereignislos. Da ich auf dem
schnellsten Wege nach Norden wollte, fuhr ich auf
Hauptstraßen (E75 / E63) durch endlose Birken- und
Kiefernwälder vorbei an malerischen Seen .Zu dieser Landschaft
gesellten sich ab Mittelfinnland die Rentiere Da es 24 Stunden am Tag
hell war, konnte ich fahren, fahren, fahren. In der ersten Woche fuhr
ich im Durchschnitt täglich 138 Km bei einer Netto-Fahrzeit von
ca. 9 Stunden.
Ab Inari änderte sich für mich so ziemlich alles!
Jetzt wurde das Wetter richtig schön (Höchsttemperaturen
13-17°C), die Versorgungsmöglichkeiten wurden immer geringer.
Die Strecke wurde zum erstenmal richtig anspruchsvoll.
Die Straße zwischen Kaamanen und Karigasniemi
verlief schnurgerade durch das Gebirge. Ich musste viele Male
schieben, was ich eigentlich verabscheue. Und das fiel mir bei den
teilweise heftigen Steigungen mit 38 Kg Gepäck schwer.
Und genau auf dieser Strecke begann sie dann: die Serie von
Reifenpannen! Letztendlich hatte ich kein Flickzeug mehr und musste
einen Autofahrer bitten, mich in die nächste Stadt mitzunehmen.
Je weiter ich nach Norden fuhr, desto schwieriger wurde die
Strecke, d. h. die Steigungen. Bei Abfahrten erreichte ich
Geschwindigkeiten von fast 60 km/h.
Die Landschaft war grandios! Die Straße schlängelte
sich immer am Porsanger-Fjord entlang, und die Berge waren weitgehendst
mit Schnee bedeckt.
Dann kam ER! DER TUNNEL!
Bis 1998 fuhr eine Fähre von Kafjord nach Honningsvag, dem
Hauptort der Insel Mageroya, auf der das Nordkap liegt. Jetzt erreicht
man die Insel nur noch mit der Hurtigrute oder eben durch den für
Radfahrer berüchtigten Tunnel.
Er ist 7 km lang. Die ersten 3,5 km geht es zunächst mit 9%
Gefälle rasant bergab. Doch dann muss man 3,5 km mit 9% Steigung
wieder bergauf fahren – so man das kann. Ich konnte es nicht! So schob
ich bei 4° C klatschnass mein Rad Meter für Meter nach oben.
Es war ungemein anstrengend! Machte ich zunächst alle 200 Meter
eine Pause, so verkürzten sich die Abstände dramatisch! Alle
50 Meter musste ich für ein paar Minuten verschnaufen. Ich war
völlig erschöpft, verfluchte diesen Tunnel und sehnte die
gute alte Fährschiff-Zeit zurück.
Der Lärm der vorbeifahrenden PKW, Busse, LKW u.s.w. war
unerträglich!
Endlich sah ich dann- nach ca. 1 ¾ Std. – im wahrsten
Sinne des Wortes- Licht am Ende des Tunnels. Dort war auch die
Mautstelle. Ich muss so erbärmlich und erschöpft ausgesehen
haben, dass ich statt der 46 NOK nichts zu bezahlen brauchte. Der
Maut-Mensch sah mich von oben bis unten an und sagte nur: „For
you it´s free“.
Am nächsten Tag sollte dann der Höhepunkt und das
eigentliche Ziel der bis dahin 1700 km langen Reise angepeilt werden.
Es waren nur noch 33 km bis zum Nordkap.
Aber die hatten es in sich! Es ist eine äußerst
anspruchsvolle Strecke für Radfahrer. Das Nordkap selbst liegt in
ca. 400 m Höhe. Durch sehr karge Landschaft – Felsen, Gras, Moos –
geht es ständig steil bergauf. Nach 33 Km und 6 ½ Std war
ich endlich am Ziel!
Nachdem ich Eintritt bezahlt hatte, durfte ich das „heilige
Terrain“ betreten. Zunächst glich es einem riesigen Parkplatz mit
ca. 50 Reisebussen aus ganz Europa. Dazu gesellten sich noch einmal so
viele Wohnmobile und Anhänger – Gespanne. PKW und Motorräder
gingen dabei unter. Und Radfahrer? Mit mir war ein Pole dort oben.
Schätzungsweise 2500 Menschen warteten nun auf DAS
Ereignis: die Sonne näherte sich um Mitternacht dem Horizont, um
kurz danach im flachen Bogen wieder aufzusteigen.
Um 0Uhr 20 war ich mutterseelenallein an der Weltkugel, dem
Wahrzeichen des Nordkaps. Sämtliche Busse waren wieder abgereist.
Bei der Rückfahrt lag die Temperatur bei 1° C,
und es wehte ein eisiger Wind.
Zurück wollte ich auf keinen Fall wieder durch den Tunnel
fahren. So nahm ich das Postschiff von Honningsvag nach Vardö, um
von dort bei schönstem Sommerwetter, flacher Strecke und
Rückenwind wieder nach Finnland zurückzufahren.
Die Route führte mich über Kirkenes nach Inari und
Pokka.Von dort fuhr ich die längste Etappe meiner Reise: 178 Km.
Davon waren 46 Km schlechteste Schotterpiste, die mir die letzten
beiden Plattfüße und eine fingerkuppengroße Blase an
der Stelle einbrachte, die bei Radfahrern am meisten beansprucht wird…
Von dieser Wunde erholte ich mich nicht mehr richtig. Ich fuhr
unter Schmerzen noch weiter bis Kuusamo, wo ich dann die Reise
abbrechen musste.
Bis hierhin bin ich 2985 Km in 22 ½ Tagen gefahren und
habe dabei 8 kg abgenommen.
Mein Ziel war erreicht, und ein Traum ist in Erfüllung
gegangen. Und wer kann schon von sich behaupten, innerhalb von drei
Monaten im Burj-el-Arab in Dubai übernachtet zu haben und
unter Entbehrungen und Strapazen zum Nordkap gefahren zu sein?
Würde ich diese Reise noch einmal machen?
Klare Antwort: Unter Umständen eventuell vielleicht jein!